Hintergrund

Weg(e) aus der Depression

Netzwerk hilft bei der Behandlung der Erkrankung

Prof. Dr. Niklewski spricht vor über 100 Besuchern in der Alten Schranne

Zur Auftaktveranstaltung für die Gründung eines „Netzwerks Depression“ im Landkreis Donau-Ries hatten die Bürgerstiftung Lebendiges Bayerisches Ries, die Diakonie Donau-Ries und der Caritasverband am 10. Mai 2012 in die Alte Schranne eingeladen. Gastreferent war Professor. Dr. Günter Niklewski, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Nürnberg und Initiator eines seit über 10 Jahren bestehenden Bündnisses gegen Depression in Nürnberg, das inzwischen in vielen Orten Deutschlands Nachahmer gefunden hat. Mehr als 100 Besucher, darunter Angehörige von Berufsgruppen, die in Behandlung und Therapie tätig sind, Vertreter der Politik, der Seelsorge und auch betroffene Menschen waren in die Alte Schranne gekommen.

Depression ist behandelbar

Dr. Niklewski ging zunächst auf die Erkrankung „Depression“ ein, die, wie er feststellte, jeden Menschen treffen könne und deren Ursachen genetisch bedingt seien. Die Depression sei eine „Ganzkörpererkrankung“, die oft verharmlost und übersehen werde, in schweren Fällen aber bis zum Suizid führe. Dabei könne die Krankheit inzwischen durch eine Zusammenarbeit verschiedener Professionen und unter Nutzung der Möglichkeiten der Psychotherapie und der Pharmakotherapie gut behandelt werden. „Die Depression hat viele Gesichter, der oft eine besondere Belastung vorausgeht, z. B. der Verlust einer geliebten Person oder eine anhaltende Überforderung. Sie kann aber auch aus heiterem Himmel kommen“, erklärte Dr. Niklewski. Nicht alle an einer Depression erkrankten Menschen litten unter denselben Symptomen. So könnten z. B. fehlender Antrieb, Schwung, aber auch rastlose innere Unruhe, Schlafstörungen, Rückgang des Interesses an Sexualität, ausgeprägte Freud- und Gefühllosigkeit, Konzentrationsstörungen und beklemmende Angstgefühle mögliche Symptome sein. „Oft denkt man an eine körperliche Erkrankung“, fuhr Dr. Niklewski fort, „doch wenn man im Zweifel ist, ob man an einer Depression leidet, sollte man zum Arzt oder zum Psychotherapeuten gehen.“ Eine Depression sei kein persönliches Versagen oder ein unabwendbares Schicksal.

Vernetzung bestehender Strukturen

Im Weiteren schilderte Prof. Dr Günter Niklewski die Erfahrungen beim Aufbau des Bündnisses gegen Depression in Nürnberg. Grundlage dieses Bündnisses war ein Forschungsprogramm, an dem sich das Klinikum Nürnberg beteiligte. Inzwischen sei das Bündnis ein Verein. Wichtigster Teil des Bündnisses sei die Kooperation mit Hausärzten und Fachärzten, ergänzt durch die Zusammenarbeit mit den sozialen Beratungs- und Hilfsdiensten, PR-Aktivtäten, Aufklärungskampagnen über die Krankheit Depression in der Öffentlichkeit, Zusammenarbeit mit Multiplikatoren und der Ausbau von Angeboten für betroffene Menschen und ihre Angehörigen, die Gründung von Selbsthilfegruppen, die Schaffung von tagesstrukturierenden Maßnahmen. „Dazu muss man keine neuen Dienste und Einrichtungen schaffen. Es geht darum, das Bestehende besser zu vernetzen, beteiligte Professionen für die Zusammenarbeit zu gewinnen, Konkurrenzdenken abzubauen“, berichtete der Referent. Es seien regelmäßige Fortbildungen notwendig. Er schilderte dabei die Erfahrungen aus der bekannten Gotland-Studie, in der eine Gruppe von Psychiatern unter der Leitung von Dr. Rutz Hausärzte fortbildete und in der Erkennung und Behandlung von Depressionen schulte. Folge war, dass in Gotland die Suizidrate erheblich abgesenkt werden konnte. Weiterbildungsprogramme müssten regelmäßig wiederholt werden. Es sei notwendig, dass ein Netzwerk nicht „kliniklastig oder medizingesteuert“ sei. Man müsse die verschiedensten Akteure einbinden.

Hausärzte wichtiger Faktor im Netzwerk

In Nürnberg sei man direkt auf die Hausärzte zugegangen, habe sie in ihrer Praxis besucht und sie so für das Bündnis gewonnen. Ebenso sei man in Schulen gegangen, habe Apotheken besucht, habe an verschiedenen Orten Öffentlichkeitsveranstaltungen abgehalten. Wichtig seien auch die Einbindung von Seelsorgern und die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen, die tagesstrukturierende Maßnahmen anbieten könnten. Mit dem Bündnis gegen Depression wurde auch in Nürnberg die Suizidrate erheblich abgesenkt was nach Meinung von Dr. Niklewski grundsätzlich für die Suizidrate gelte, wenn Bündnisse oder Netzwerke tätig seien. Eine Studie zu den Risikogruppen für einen Suizid, bei der festgestellt wurde, dass insbes. alte, einsame, chronisch erkrankte Männer die Hauptrisikogruppe sind, kam zum Ergebnis, dass insbes. jüngere Menschen durch Aktivitäten von Netzwerken erreicht werden können und dort die Suizidrate deutlich beeinflusst werden könne. „Ziel muss sein, eine Depression ambulant behandeln zu können“, betonte Dr. Niklewski. Lange Verweilzeiten in psychiatrischen Krankenhäusern seien nicht notwendig und in Zeiten der DRG´s auch nicht mehr machbar. Wichtig ist nach Dr. Niklewski, die Krankheit Depression von ihrem Stigma zu befreien. Er trat auch dem Vorurteil entgegen, dass Antidepressiva abhängig machten oder die Persönlichkeit veränderten. Pharmakotherapie und Psychotherapie könnten sich auf sinnvolle Weise ergänzen.

Zum Ende seines Vortrags ging Dr. Niklewski auch noch auf das „Burnout-Syndrom“ ein. Dabei warnte er vor einer Medikalisierung dieses Problems. Burnout sei in vielen Fällen ein Erschöpfungszustand, meist von den betroffenen Menschen selbst verursacht, da sie nicht mehr in der Lage seien, sich zu erholen.

Ein nächstes Treffen mit Personen und Einrichtungen, die in einem „Netzwerk Depression“ mitarbeiten möchten wird noch vor der Sommerpause stattfinden. Interessierte können sich an das Diakonische Werk Donau-Ries in Nördlingen, Herrn Vogel, Tel. 09081/2907012 oder an den Caritasverband in Donauwörth, Herrn Gaertner, Tel. 0906 / 70595650 wenden.

Auf den Bildern:

oberes Bild: Foto von der anschließenden Diskussion mit dem Referenten des Abends, Prof. Dr. Günter Niklewski, und Roland Vogel vom Diakonischen Werk Donau-Ries.

unteres Bild: Gruppenfoto (von links) mit dem Nördlinger Oberbürgermeister Hermann Faul, Landrat Stefan Rößle, Prof. Dr. Günter Niklewski, Roland Vogel von der Diakonie Donau-Ries und Michael Langenbucher von der Stiftung Lebendiges Bayerisches Ries.